Schall v. Bell und Johann Schreck

Die ersten deutschen Ostasienfahrer, die China erreichten, waren Jesuiten, der 1576 in Bingen bei Konstanz geborene Johann Schreck, latinisiert Johannes Terrentius, und Johann Adam Schall von Bell, geboren am 1. Mai 1592 in Lüftelberg (Meckenheim)

 

Terrenz studierte in Freiburg Medizin, wo er 1596 seinen Magister machte. Anschließend lehrte er Medizin in Altdorf bei Nürnberg und ab 1603 in Padua, wo er Mitglied der Academia dei Lincei wurde und die Bekanntschaft mit Galileo Galilei machte. Als Arzt und Botaniker (so verfaßte er eine Enzyklopädie der Bontanik) galt er Zeitgenossen als "Arche der Wissenschaft" (Zettl 2001:1). Zur Überraschung seiner Akademiekollegen trat der hochgeachtete Universalgelehrter 1611 in den Jesuitenorden ein.

Der Ritter Schall v. Bell hingegen studierte am Collegium Germanicum in Rom Mathematik und Astronomie bevor er ebenfalls 1611 in den Jesuitenorden eintrat. 1613 studierte Schall von Bell an der Jesuitenuniversität Collegio Romano auch Theologie. Als Nicolas Trigault SJ, Prokurator der Ordensprovinz China, eine Gruppe von Missionaren mit wissenschaftlichen Kenntnissen zusammenstellte, die ihn nach China begleiten sollten, schlossen sich sich Schall und Schreck ihm an.

Am 17. April 1618 traten sie von Lissabon aus eine Reise nach Peking an, wo der Jesuitenorden eine Mission unterhielt. Am 22. Juli 1619 in Macao angekommen, wurde ihnen aber erst 1623 die Weiterreise nach Peking gestattet. Von 1627 bis 1630 war Schall in Singanfu (Xi'an) als Missionar tätig.

Schreck war von 1629 bis zu seinem Tode am 11. Mai 1630 zusammen mit seinem Kollegen Niccolò Longobardi vom kaiserlichen Minister Xu Guangqi mit der Durchführung der chinesischen Kalenderreform beauftragt war. Vor seiner Reise hatte Schreck 1616 von Kardinal Federico Borromeo von Mailand ein galileisches Fernrohr erhalten, "das erste, das nach China gelangen sollte" (ibid.).

Nach Schrecks Tod übernahm Schall diese Aufgabe zusammenmit dem Mailänder Jesuiten Giacomo Rho. Er übersetzte astronomische Fachbücher aus dem Latein in das Hochchinesische, baute ein Fernrohr nach den Prinzipien Gallileis und gründete eine mathematisch-astronomische Schule. 1635 veröffentlichte er den reformierten Kalender. 1642 betätigter er sich als Geschützgießer, um die von der Bauernarmee des Li Zicheng und von den Mandschu bedrängten Ming-Armee zu unterstützen.

Nach dem Ende der Ming-Dynastie 1644 wurde er vom Mandschu-Regenten Dorgon aufgrund der Genauigkeit seiner astronomischen Prognosen zum Leiter des astronomischen Amtes am Kaiserhof im Range eines Mandarins bestellt. 1650 erhielt er die Erlaubnis die erste katholische Kirche Pekings zu bauen. Von 1651 bis 1661 wurde er ein wichtiger Berater des ersten Mandschu-Kaisers Shunzhi (順治) der ihn 1658 zum Mandarin Erster Klasse machte.

Nach Shunzhis Tod blieb Schall in seinen Ämtern, geriet aber in den Ritenstreit mit Dominikanern und den von Longobardi unterstützten spanischen Franziskanern, die ihn in Rom wegen der Verbreitung von Irrlehren anklagten. 1664 erlitt Schall einen Schlaganfall, den chinesische Gegner nutzten, um ihn u.a. des Hochverrats und falscher astronomischer Berechnungen anzuklagen. Am 15. April 1665 wurde er für schuldig befunden und zu Lingchi verurteilt, einer Todesstrafe bei dem der Verurteilte langsam zerstückelt wurde. 

Kurz vor der Vollstreckung ereigneten sich eine Reihe von Naturkatastrophen. Dies wurde als Zeichen des Himmels zugunsten der Unschuld von Schall interpretiert (vgl. Wang 2014:10). 

Kaiser Kangxi (康熙) ließ ihn am 15. Mai 1665 frei und rehabilitierte ihn. Schall von Bell starb inmitten des gegen ihn laufenden Kirchenprozesses am 15. August 1666. Er wurde auf dem "Jesuitenfriedhof" von Zhalan Mudi in Peking in der Nachbarschaft seines Mitbruders Schreck begraben.

Die pragmatische Handhabung der christlichen Mission durch die Jesuiten, die den chinesischen Konvertiten die Ausübung des Ahnenkultes und der Konfuzius-Verehrung erlaubten, hatte einen raschen Anstieg der Zahl chinesischer Christen bewirkt.

Die "Akkomodation" mit chinesischen Bräuchen wurde vom Papst 1704 verboten. 1724 verbot Kaiser Yongzheng (雍正) das immer mehr als Bedrohung angesehene Christentum. Damit war die anfangs so erfolgreiche Jesuiten-Mission - ähnlich wie 100 Jahre zuvor in Japan - gescheitert. Das Vorgehen der Missionare nach 1704 hat bis zum heutigen Tage im chinesischen Staatsdenken zu Vorbehalten gegen das Christentum geführt, an der auch die Rücknahme des päpstlichen Verbots der Akkomodation im Jahr 1939 nichts änderte.

 

 

Lit. Hünermann, W.: Der Mandarin des Himmels. Das Leben des Kölner Astronomen Pater Johann Adam Schall am Kaiserhof zu Peking, Hannover:Oppermann 1954; Väth, A.: Johann Adam Schall von Bell, SJ Missionar in China, kaiserlicher Astronom und Ratgeber am Hofe von Peking 1592–1666. Ein Lebens- und Zeitbild, Veröffentlichung des Rheinischen Museums Bd.2, Köln:Bachem 1933; Collani, C. v.: Schall, Johann Adam S. von Bell, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon Bd. 8, hg. F.W.Bautz, Herzberg 1994, Sp. 1575-1582; Walravens, H.: Schall von Bell, Johann Adam, in: Neue Deutsche Biographie Bd. 22, Berlin:Duncker & Humblot 2005, S. 551f); Zettl, E.: Johannes Schreck-Terrentius Constantiensis. Wissenschaftler und Chinamissionar, ex: Virtuelle Internetausstellung basierend auf der Ausstellung in der Bibliothek der Fachhochschule Konstanz, Frühjahr 2001, http://ausstellungen.bibliothek.htwg-konstanz.de/china/03_johannes_schreck1.htm=S.1 (bis_schreck4.htm=S.4); Wang, Y.: Jincheng shu xiang (1640): Ein Leben Jesu mit Bildern für den chinesischen Kaiser. Verfasst von Johann Adam Schall von Bell S.J. (1592-1666), Mainzer Studien zur Neueren Geschichte Bd.31, Frankfurt a.M.:Peter Lang 2014; Bildquellen: Unbekannter Künstler, Portrait Johann Adam Schall von Bell, "Wiedergabe eines Gemäldes im Besitz des Grafen Schall-Riaucour in Gaußig", abgedruckt in: Väth 1933; Fernrohr des Gallilei, Abb.: Zettl 2001, S.1; Grab Johann Schreck, Abb. Zettl 2001, S.4

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