In seinem Buch "Was vom Tage übrigblieb" thematisiert Ishiguro Kazuo (石黒一雄) die Wahrnehmung von Erinnerungen und er stellt die Frage, wie die Vergangenheit die Gegenwart formt und prägt. Es greift die Frage auf, wie Menschen mit der Zeit, die ihnen gegeben und geblieben ist, umgehen und wie andere Menschen diese Zeit, die verstrichen sein wird, aber zugleich weiterwirkt, beurteilen und in ihrer eigenen Zeit nutzen.

Die Vergänglichkeit, das unerbittliche Fortschreiten der Zeit, nötigt uns Menschen nicht erst seit Gilgamesch nach unserer Sterblichkeit, nach dem Woher und Wohin, dem Sein und dem Sinn unserer Existenz zu fragen. Antworten auf diese Daseinsfragen sind konstitutiv für menschliche Gemeinschaften. Sie drücken sich im Glauben, in Mythen, Riten und Traditionen aus. Sie formen unser Zusammenleben und gestalten unser Handeln.

Das menschliche Miteinander wird an geschichtlichen Erfahrungen gemessen, die zu Traditionen und Urteilen geronnen sind. Deshalb wird die Geschichte der Menschheit von Handlungen durchzogen, die mit Vergangenheit begründet werden. Die interessensgeleitete Wahrnehmung der Wirklichkeit, aber auch ein eingeschränktes Wissen über die Vergangenheit, sind dabei Anleitungen zum Handeln: Nicht die Quellen der Geschichte, sondern ihre manchmal zweifelhaften Darstellungen aus dritter Hand dominieren.

Aus diesem Grunde ist es wichtig, einen unabhängigen Zugriff auf Quellen dieser Vergangenheit zu erhalten, um sich selbst ein kritisches Bild zu machen. "Unwissenheit war von jeher und ist noch die Quelle aller Barbarei, nicht bloß der Menschen gegen Menschen, Rassen und Völker, sondern auch gegen jedes andere Dasein in Natur, Kunst und Leben", schrieb der Philosoph Hermann Joseph Körner 1873 in seiner "Natur-Ethik". 2400 Jahre früher stellte Konfuzius (孔夫子) lapidar fest: Unwissenheit ist die Nacht des Geistes.

Die vorangestellten Überlegungen motivieren uns, zum Erhalt von Wissen und zur Aufklärung beizutragen, indem wir Quellen zur Geschichte der Deutschen in Ostasien sammeln, bewahren und der wissenschaftlichen und privaten Forschung zugänglich machen.

Die von uns archivierten Quellen spiegeln einen weiten Rahmen geschichtlicher Beziehungen des deutschsprachigen Raums seit dem Mittelalter zu den fernöstlichen Kulturen und Gesellschaften wider. Die gesammelten Zeitzeugnisse sind Teil des existentiellen Kontinuums, das der Vergangenheit so vieler Tage entsprungen, Menschen aus den unterschiedlichen Lebenswelten in Zentraleuropa und Ostasien in Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet.

Was bleibt uns so am Ende vom Tage übrig? Rainer Maria Rilke antwortete uns vor einer langen Zeit:

"Tage, wenn sie scheinbar uns entgleiten,
gleiten leise doch in uns hinein,
aber wir verwandeln alle Zeiten;
denn wir sehnen uns zu sein..."

 

[ar]