Erotik, Nacktheit, Liebe und Ehe in der japanischen Kunst und Gesellschaft


Liebe in der westlichen und japanischen Literatur, kann, wie der 1965 verstorbene Tanizaki Jun'ichirō (2011:100) schreibt, einen unterschiedlichen Stellenwert genießen: "Der japanische Teeweg erlaubte bei Rollbildern, die im Teeraum aufgehängt werden, seit alters her sowohl Bilddarstellungen wie Kalligraphien. Einzig das Thema koi, Liebe, Leidenschaft, war ausgeschlossen. Man war also der Ansicht, koi, widerspreche dem Geist des Teeweges. (...) In Zeiten, als es so etwas wie 'Literaturgeschichte' noch gar nicht gab, galten Liebesromane (sogenannte nanbungaku - weiche Literatur) als unbedeutende Nebenprodukte, als Zeitvertreib für Frauen und gelegentliche Zerstreuung für gebildete Männer. Sowohl Autoren wie auch Leser wahrten Distanz dazu." 

Umgekehrt, so Tamizaki (ibid., S.14) sei man in Japan vom "Westen darüber belehrt [worden], daß es hochstehende Literatur auch in Verbindung mit Liebe geben kann." In den Künsten des Westens, nehme die Liebe und die Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen einen sehr großen Raum ein (a.a.O., S.9f).

Was für die Literatur zum Thema Liebe im Sinne von Erotik gilt, trifft auch im weiteren Sinn auf unterschiedliche Darstellungen des menschlichen Körpers in der westlichen und der ostasiatischen, besonders in der japanischen Kultur zu. Während etwa ein Gemälde des Barock-Malers Orazio Gentileschi den weiblichen Körper ausgerechnet beim Thema der ihre Sünden büßenden Maria Magdalena (1621/1623) im Schein göttlichen Lichts entblößt, wird selbst in den Erotika der japanischen Shunga 春画 (i.e. Frühlingsbilder, "Frühling" als euphemistische Bezeichnung des Sexualaktes) der Liebesakt überwiegend in Kleidern, teilweise mit grotesker Vergrößerung der Genitalien und verdrehten Extremitäten, dargestellt.

Im Onsen 温泉, dem japanischen Gemeinschaftsbad, baden Männer und Frauen gemeinsam. Die japanische Badekultur des Mittelalters war oft mit natürlichen (heißen) Quellen assoziiert. Das  Benutzen der Bäder ohne Trennung der Geschlechter gestand der Nackheit weder eine erotische noch voyeuristische Qualität zu, sondern war Ausdruck eines unbekümmerten Verhältnisses zur "reinen" Natur, die erst dann interessant wird, wenn sie im Rahmen eines abstrahierten Naturverständnisses (z.B. im Ikebana) erscheint (vgl. Schwalbe 1970:22f, 24). Das Zeigen unbedeckter Fußfesseln oder die Entblößung des Nackens (in Verbindung mit traditioneller Kleidung / Kimono) konnte hingegen als Ausdruck gesteigerter Laszivität empfunden werden (vgl. Tsunoda et al. 1964: 175).

Mit dem Aufkommen des Schwert-Adels am Ende der Heian-Zeit wurde der Geschlechtsverkehr mit der Ehefrau bzw. den Ehefrauen (Polygynie) zuerst eine Frage der Zeugung von Nachwuchs (vgl. Seidl 1941:129f, s.v. Ehe). Die Ehe (結婚, kekkon) diente der Erhaltung der Ahnenlinie und war oft ein Zweckbündnis zwischen Familien (vgl. Seidl 1941:130, s.v. Ehescheidung), was sich in der Ablösung der in der Nara- und Heian-Zeit vorherrschenden Uxorilokalität als postmaritale Residenzregel durch die Viri- bzw. Patrilokalität der Kamakura-Zeit und nachfolgender Perioden zeigte (vgl. McCullough 1967; Morris 1964).

Das Konzept einer auf Dauer angelegten monogamen kirchlich-konsekrierten christlichen Ehe ("Was Gott zusammengefügt, soll der Mensch nicht scheiden..."), war der japanischen Gesellschaft bis zum Ende des 19. Jahrhunderts vollkommen fremd, ebenso wie die in der europäischen Romantik Ende des 18. Jahrhunderts entstandene Idee einer von Leidenschaft bewegten Liebesheirat.

Sex mit einer Yūjo (遊女, i.e. Freudenfrau) oder den Kurtisanen, Oiran (花魁, i.e. Erste der Blumen), war hingegen eine Frage des Vergnügens und Zerstreuung, wobei dies auch hier nicht nur auf den Geschlechtsakt abzielte, sondern die Unterhaltung mit Tanz, Gesang, Musik, Essen und Trank einschloß. Prostitution war legal, aber staatlich geregelt durch Lizenzvergabe an Tee-Häuser (Chaya 茶屋) in ummauerten Stadtvierteln wie Shimabara (Kyoto) oder Yoshiwara (Edo), bis zum Jahr 1957. Zu diesem Zeitpunkt wurde, unter dem amerikanischen Nachkriegseinfluß auf die moralischen und legalistischen Vorstellungen Japans, Prostitution in jedweder Form verboten und unter Strafe gestellt.

Geisha 芸者 waren im Gegensatz zu manchen Mißverständnissen in der westlichen Wahrnehmung keine Prostituierten, sondern hochgebildete Artisten und Unterhaltungskünstlerinnen: Im 18. Jahrhundert wurde der Beruf der Geisha in lizensierten Quartieren einem striktem Reglement unterworfen, zu dem auch das Verbot gehörte, in Konkurrenz zu den Yūjo zu treten (Dalby 1983:57). Die Tätigkeit der Geisha unterlag nicht dem Verbot von 1957.

In der Zeit der Abschottung Japans vom Westen, d.h. im 17., 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, waren Erotik und Sexualität strikter gesellschaftlicher und staatlicher Kontrolle unterworfen, wenngleich auch hier die Lebenswirklichkeit sich nicht immer mit dem staatlichen Ideal deckte (vgl. Dalby 1983:58). Infolge restriktiver Gesellschaftspolitik wurden erotische Bildzeugnisse in der Tokugawa-Zeit durch Euphemismen wie Makura-e (枕絵, i.e. Kopfkissenbilder) oder Warai-e (笑い絵, i.e. Bilder zum Lachen) umschrieben. Doch schon in der Heian-Zeit war der Repräsentation von Liebe Grenzen gesetzt, die sich jedoch nicht wie im postantikem Europa aus einem Sünden-Begriff in Verbund mit der biblischen Anthropogonie entwickelte, sondern aus dem Diskurs normativer Richtigkeit sozialen Verhaltens (Rechte, Pflichten, Privilegien) in einer korporativen Gemeinschaft, die sich durch Abstammungsbeziehungen  definierte (z.B. im Kojiki 古事記), mit den Anspruchsbedingungen des Mahayana-Buddhismus, bei dem Liebe über Mitgefühl und Selbstopfer zu einem Zustand des Gleichmuts ohne Leiden, in dem kein Karma mehr erzeugt wird, führen sollte (vgl. Tsunoda et al. 1964: 95).

Das Ideal sublimierter Erotik als Ausdruck letztlich unerfüllbarer Sehnsucht und Verlangens wird in den ersten japanischen Romanen, dem Kopfkissenbuch 枕草子 (Makura no Sōshi) der Hofdame Sei Shōnagon und dem Genji Monogatari 源氏物語 thematisiert, wo ein erheblicher Teil der Handlung von des Prinzen Abenteuer mit Frauen zeugt (vgl. Quenzer 2008:65). In einer Schlüsselszene des 21. Kapitels läßt ein Freund Genjis die Herzen der anwesenden Hofdamen höher schlagen, als er - ähnlich wie in der Minne-Tradition des europäischen Hochmittelaltes - äußerst feinsinnig, aber vollkommen bedeutungslose Silben sang. Liebe ist in diesem Verständnis nicht die Auslebung von Wollust und verzehrender Leidenschaft, sondern eine Frage der (Lebens-)Kunst zwischen Wunsch und Wirklichkeit, um die irdische "Beflecktheit" zu überwinden und in dem transzendenten "Erleuchtetsein" Harmonie herzustellen, was, worauf Quenzer (ibid., S.70) hinweist, ein Grundgedanke des Mahayana-Buddhismus ist.

Vom japanischen Hochmittelalter der höfisch-verfeinerten Kultur der Heian-Zeit bis zur Anpassung an westliche Vorbilder promisken Verhaltens der Jetztzeit unterlag auch das japanische Verhältnis zur Erotik, Nackheit, Liebe und Ehe dem historischen Wandel. Dies zeigt sich am deutlichsten am Beispiel der Shunga: Als Mittel der Zerstreuung im 18. Jahrhundert geduldet, in der Hochphase der Akkulturation westlicher Werte und Ideen um 1900 verpönt und verramscht, sind sie heute wertvolle Sammlerobjekte. Der Wandel in der gesellschaftlichen Akzeptanz und Rezeption erotischer Darstellungsformen in Japan wird nicht zuletzt durch die Aufhebung der Zensur der Shunga im Jahr 1994 offenbar. So hat sich der im Westen vollzogene Wandel in der gesellschaftlichen Bewertung und Stellung von Erotik seit Beginn der "sexuellen Revolution" ab den späten 1960er Jahren auch in Japan vollzogen.

 

Lit.: Dalby, E.C. (1983): Geisha, Tokyo: Kondansha International; McCullough, W.H. (1967): Japanese Marriage Institutions in the Heian Period, in: Harvard Journal of Asiatic Studies, Vol. 27, 1967, S. 103–167; Morris, I. (1964): The World of the Shining Prince: Court Life in Ancient Japan. New York: Oxford University PressMurasaki, S.: Die Geschichte vom Prinzen Genji. Altjapanischer Liebesroman aus dem 11. Jahrhundert, verfaßt von der Hofdame Murasaki Shikibu, übers. von O.Benl, 2 Bde, Zürich: Manesse Verlag 1966; Quenzer, J.B. (2008): Fiktion und Liebe im Genji monogatari, in: Nachrichten der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (NOAG) 78. Jg., Heft 183–184, 2008, S. 61–73; Schwalbe, H. (1970): Acht Gesichter Japans im Spiegel der Gegenwart, in: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Bd. 52, Tokyo;Siebold, P.F. v. (1841): Manners and Customs of the Japanese in the Nineteenth Century from the Accounts of Dutch Residents in Japan and from the German Work of Dr. Philipp Franz von Siebold, New York: Harper & Bro. (Reprint Charles E. Tuttle, Tokyo 1973); Seidl, R. (1941): Ehe & Ehescheidung, in: Japan-Handbuch. Nachschlagewerk der Japankunde, im Auftrage des Japaninstituts Berlin hg. von Prof. Dr. M. Ramming, Berlin: Steiniger 1941, S.129f; Tanizaki, J. (2011), Liebe und Sinnlichkeit [1931 erschienen unter dem Titel Ren'ai oyobi shikijō 恋愛及び色情], übersetzt von E.Klopfenstein, Zürich: Manasse Verlag; Tsunoda, R. et al. (1964): Sources of Japanese Tradition compiled by Tsunoda Ryūsaku, Wm. Theodore de Bary, Donald Keene, New York, London: Columbia University Press

Bildquelle: Shunga, vermutlich Kitagawa Utamaro (1753-1806), Privatsammlung A.B.

ar/ab

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok