Vortrag zu Kenji Miyazawa DJG Berlin 2010


„Miyazawa Kenji- ein japanischer Dichter und die gescheiterte Hoffnung"


Betrachtet man die lange Geschichte kultureller Ereignisse in Japan, insbesondere die der Literatur, begegnet man verschiedensten Phänomenen, wie es auch in Europa der Fall ist. Durch grossen politischen Wandel ereignen sich zwangsläufig neue Erscheinungsformen, die nicht nur politische Strukturen, sondern auch das gesamte Gesellschaftsleben von Grund auf verändern. So war es auch in der Meiji-Evolution im Jahre 1868. Wie eine Sintflut griff die Veränderung auf die Insel über. Sämtliche Bereiche waren betroffen.

Im Bereich der Literatur und der darstellenden Kunst schwemmten avantgardistische Werke aus Europa an die Ufern des Archipels. Impressionisten, Symbolisten, Expressionisten wurden ebenso euphorisch aufgenommen wie die modernen Literaten. Neben der starken Beeinflussung durch die neuen literarischen Ausdrucksformen, wurde in erster Linie der Begriff der Individualität in der Literatur in den Vordergrund gerückt. Die Individualität hatte bis dahin in der japanischen Literatur nie eine bedeutende Rolle gespielt. Sie war stets hinter der dominanten moralischen, ethischen, religiösen Strömung verborgen geblieben und erschien allenfalls am Schluss in Form der Selbstopferung. Zum ersten Mal wurde in der japanischen Literatur das Individuum auf die Position der Zentralfigur erhoben.

Diese Revolution in der japanischen Literatur brachte ein Heer interessanter Literaten hervor und hinterliess unzählige historisch wertvolle Werke. Miyazawa Kenji ist einer der neuen japanischen Literaten. Er wurde im Jahre 1896, Meiji 29, geboren und verstarb 1933, Showa 8. Er hinterließ der Welt Gedichte und Märchen, schrieb aber nie einen einzigen Roman.

Miyazawa lehnte es ab, Schriftsteller genannt zu werden. Er blieb seinem Beruf als Agraringenieur bis zu seinem verfrühten Tod treu. Er gab sein Fachwissen an die Bauern weiter, die Naturkatastrophen und dem kapitalistischen System wehrlos gegenüber standen. Miyazawa hat versucht, sein Prinzip der Autarkie in die Praxis umzusetzen. Dabei ging es ihm nicht nur um die ökonomische Basis. Der Bauer sollte zugleich Dichter und Maler sein. Er sollte in der Lage sein, seine Umwelt durch künstlerische Mittel zum Ausdruck zu bringen. Zu diesem Zweck wählte Miyazawa Gedichte und Märchen als das beste Medium.

Der idealistische Dichter war ein gläubiger Buddhist. Der Glaube wurde ihm in die Wiege gelegt. Der Vater, ein treuer Schüler der Johdo-Sekte, unterwarf sich in bedingungsloser Passivität dem Willen Gottes.


(DJG Berlin, Kawaraban Okt.2010)
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