Berliner, Siegfried & Anna ベルリナー・シグフリドとアンア(1884 – 1961), Hochschullehrer 大学教授

Geboren wurde Berliner am 15.2.1884 in Hannover als Sohn des Handelsschuldirektors Manfred Berliner (1853–1931). Er entstammte einer hannoveranischen Fabrikantenfamilie.  Er war ein Bruder von Cora Berliner, einer Professorin für Wirtschaftswissenschaften, und ein Neffe von Jacob Berliner, Gründer der Deutschen Grammophon Gesellschaft sowie Emil Berliner, Erfinder der Schallplatte und Joseph Berliner, Inhaber einer Telephon-Fabrik (1).

Nach dem Abitur in Hannover, studierte Berliner an der Universität Leipzig Physik, Mathematik und Nationalökonomie. An der Georg-August-Universität zu Göttingen wurde er 1905 mit der Dissertation Über das Verhalten des Gußeisens bei langsamen Belastungswechseln promoviert. Anschließend diente er in Hannover als Einjährig-Freiwilliger im 1. Hannoverschen InfRgt Nr.74. 1913 sollte Berliner die Leitung der Handelshochschule als Nachfolger seines Vaters übernehmen. Er entschied sich aber, dem Ruf als Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Kaiserlichen Universiät zu Tokyo Folge zu leisten.

Drei Jahre zuvor, am 25.9.1910 hatte Berliner die in Halberstadt am 21.12.1888 geborene Kaufmannstochter Anna Meyer (am 16.5.1977 in Forest Grove, Oregon, ermordet) geheiratet. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges reiste Siegried Berliner mit anderen Reservisten von Japan nach Tsingtao, um sich den Verteidigern der deutschen Kolonie Kiautschou anzuschließen. Er diente als Vizefeldwebel der Landwehr in der 7. Kp des III. Seebataillons und Führer eines Scheinwerfers beim Infanterie-Werk II. Nach der Kapitulation von Tsingtau geriet er in japanische Kriegsgefangenschaft im Lager in Marugame, ab Mitte April 1917 im Lager Bando auf der Insel Shikoku. 1919 wurde er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen.

Anna Berliner, die 1913 in Leipzig bei Wilhelm Wundt in Psychologie promoviert hatte, verbrachte diese Zeit Anfangs in Japan. Von 1915 bis 1920 ging sie in die USA, wo sie einen Lehrauftrag an der Columbia University wahrnahm und als Psychoanalytikerin arbeitete. Von 1920 bis 1925 lebte sie an der Seite von Siegfried Berliner in Japan, wo sie die Lehre von der Psychologie in der Werbung begründete, und an der unterschiedlichen Wahrnehmungstraditionen in Japan und Deutschland ausformulierte (2). Zeit ihres Lebens blieb sie der japanischen Sprache und Kultur in ihrem Wirken eng verbunden. Mit dem "Teekult in Japan" (1930) schuf sie ein bis heute grundlegendes Werk zur westlichen Rezeption der japanischen Tee-Zeremonie.

Anna und Siegfried Berliner kehrten 1925 ins Deutsche Reich zurück, wo Siegfried Berliner als Lehrbeauftragter an der Handelshochschule Leipzig bestellt wurde. Er wurde Direktor bei der Ende 1924 von ihm mitbegründeten Hamburg-Leipzig Lebensversicherungsbank AG, die 1930 in Deutsche Lloyd Lebensversicherung umfirmierte. 1998 wurde sie mit Assicurazioni Generali fusioniert, die spätere Generali Lebensversicherungs AG). Er leitete sie bis 1937.

Im Oktober 1930 war Berliner maßgeblich an der Gründung der Leipziger Ortsgruppe der OAG. 1933 werden die Berliners durch die Intrige des Leipziger Japanologe Prof. Ueberschar als "untragbare Persönlichkeiten... unter den neuen Verhältnissen" aus der OAG entfernt, wobei der damalige Vorsitzende der OAG, Kurt Meißner, eigentlich mit Berliner befreundet, eine unrühmliche Rolle spielte (vgl. Rode 2013: 49; Mantel 2009: 659).

Seit 1933 von der nationalsozialistische Regierung seines Lehrauftrages an der Hochschule in Leipzig entbunden, sah er sich schließlich nach dem Pogrom vom 9. November 1938 ("Reichskristallnacht") zur Emigration in die USA gezwungen, wo sich ein Teil seiner Familie schon befand.

Ein Teil seiner Familie verblieb im Deutschen Reich, so seine Schwester Cora und seine Base Klara, und wurden von den Nationalsozialisten ermordet.

1939-1941 wurde er Dozent in Washington D.C., 1941 Vice-President einer amerikanischen Lebensversicherungsgesellschaft. Diese Stellung verlor er im März 1943, weil er Deutscher war ("enemy alien"; vgl. ibid., S. 50; siehe auch: Anne Schenderlein 2017:102, 109f). 1945 gingen er und seine Frau nach Chikago, wo er als Versicherungsverkäufer und Anna Berliner u.a. als Buchverkäuferin arbeiteten.

Im Januar 1949 erhielt Anna Berliner eine Dozentenstelle an der Pacific University in Forest Grove in Oregon, wohin das Ehepaar zog. 1951 wurde sie Professorin für Psychologie bis zu ihrer Emeritierung 1962.

Berliner, der am 16.10.1961 in den USA starb, wurde seinem letzten Wunsch gemäß nach Deutschland überführt und auf dem Jüdischen Friedhof An der Strangriede in Hannover zur letzten Ruhe gebettet.

Befremdlich wirkt die Grabinschrift, die Siegfried Berliner als emeritierten Professor würdigt, wohingegen seine Frau, die selbst mit summa cum laude promoviert hatte und eine ordentliche Professur in den USA ausübte, diese Ehre ihres Angedenkens nicht widerfuhr - eine seltsame Ironie, hatte sie es doch als eine der ersten deutschen Frauen in ihrem Beruf trotz widriger Zeitläufte durch herausragende Leistungen zur Professur gebracht.

 

Für einen ausführlichen Beitrag zur Biographie von Anna und Siegfried Berliner sowie ihrer Beziehung zu Japan verweisen wir auf die uns freundlicherweise vom Autor zur Verfügung gestellte Ausarbeitung von Hans K. Rode über "Siegfried Berliner (1884 - 1961) - ein Deutscher in Japan". Der Vortrag wurde am 17.4.2013 vor der OAG, Tokyo, gehalten. Darin enthalten ist auch eine Liste der Veröffentlichungen des Professorenpaars Berliner.

Die Biographie liegt auch in einer japanischen Übersetzung von Herrn Kiyoyuki Kosaka vor, die in einigen wenigen Stellen von der deutschen Fassung abweicht:

ジークフリート・ベルリーナー (1884 - 1961)について・日本で暮らしたあるドイツ人。の講演の小阪清行の日本語翻訳はこのURLでご覧いただけます。

なお、種々の理由により、ドイツ語とこの翻訳の間に多少の違いが存在します。

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Hans K. Rode

  pdf Siegfried Berliner (1884-1961) - ein Deutscher in Japan (12.10 MB)

Inhaltsverzeichnis


     Vorwort
1.  Familiärer Hintergrund - Die jüdische Familie Berliner aus Hannover
2.  Siegfried Berliner’s Ausbildung in Deutschland
3.  Einsatz in Japan 1913/1914
4.  Kriegsdienst in der deutschen Kolonie Tsingtau und Gefangenschaft in Japan
    4. 1. Kriegsbeginn
    4. 2. Das Lager Marugame
    4. 3. Lagerleben im Tempel allgemein
    4. 4. Lagerleben – Sportliche Aktivitäten
    4. 5. Anna Berliner in Marugame
    4. 6. Anonyme Anzeige aus Marugame
    4. 7. Musikalische Aktivitäten von Siegfried Berliner im Lager
    4. 8. Im Lager Bando von April 1917 bis Dezember 1919
5.  Erneuter Einsatz von Siegfried Berliner in Tokyo 1920 – 1925
6.  Ehefrau Anna Berliner
7.  Leipzig 1925 – 1938: Hochschullehrer - Versicherungsdirektor - Einsatz für japanische Beziehungen
8.  Erzwungenes Exil in den USA
9.  Entschädigungsverhandlungen in den 1950er Jahren
10. Einsatz für die studentische Verbindung Burschenbund Alsatia Leipzig zu Marburg
11. Lebensende von Siegfried Berliner 1961 und Anna Berliner 1977
12. Veröffentlichungen von Siegfried Berliner und Anna Berliner
13. Literaturverzeichnis
14. Bildnachweis
15. Anmerkungen

 

Lit.:
(1) Stammbaum der Familie Berliner aus Hannover (vgl. Zimmermann, H.: Die Familie Berliner, ex: Landeshauptstadt Hannover, Presseamt: Leben und Schicksal. Zur Einweihung der Synagoge in Hannover, Hannover 1963, S.88-101)
(2) Berliner, A.: Japanische Reklame in der Tageszeitung [= Weltwirtschaftliche Abhandlungen Bd. 7], Stuttgart: C.E.Poeschel Verlag 1925 (mit freundlicher Erlaubnis der Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft-Steuern-Recht GmbH) In Japan zuvor erschienen als: ベルリナ・アンア (他人を風貌ではんだんすることができるかベルリナ), 日本心理学会発行の「心理研究」25「144」1924年) Japanese Psychological Association 公益社団法人日本心理学会
(3) Rode, Hans K.: Siegfried Berliner (1884 - 1961) - ein Deutscher in Japan. Vortrag am 17.4.2013 vor der OAG, Tokyo.
(4) Schenderlein, A.: German Jewish "Enemy Aliens" in the United States During the Second World War, Bulletin of the German Historical Institute No.60, Spring 2017, Washington, S. 101-116
(5) Mantel, P.: Betriebswirtschaftslehre und Nationalsozialismus - Eine institutionen- und personengeschichtliche Studie, Wiesbaden: Gabler GWV Fachverlage 2009

 

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