'Orte gedacht' in Zimmereisen (Literatur, Orte gedacht)

Zimmerreisende sind vielleicht Stubenhocker oder Reisemuffel. Aber eigentlich sind mit Zimmerreisenden Menschen gemeint, die in ihren eigenen vier Wänden den Alltag, dessen Gegenstände und Lebewesen genau betrachten, und die sich damit in ihrer privaten direkten Nähe grenzenlose Räume geografisch und intellektuell sowie weitschweifige Gedankenabenteuer erschließen.

Zu denen könnte der Held Hervé Joncour in Alessandro Barriccos Roman "Seide" gehört haben, als sich ihm beim Anblick der Seide in seinem Alltag unendlich weit entfernte Gegenden bis hin nach Japan imaginär öffneten.

Es mag auch der große Künstler Horst Janssen zu den Zimmerreisenden gruppiert werden , dessen Bildinhalte  nicht selten nie konkret Erlebtes oder Gesehenes spiegeln. Er selbst schreibt: „Die Hauptquelle meines Vergnügens ist mein schlechtes Gedächtnis: es erinnert die geringsten Details einer Situation, die ich nie erlebt habe.“ (Querbeet, S.    60). Es ist aber natürlich nicht ein unproduktives, sich zu Hause Einigeln: „Ich bin voller Vergnügen, und meine Tage sind gefüllt. Ich brauche nicht nach New York zu reisen, um von dort zu melden, dass ich in New York bin“ (Querbeet, S.65).

Vielleicht sogar gehörte die mutige Weltreisende Lina Bögli zu den Zimmerreisenden?

Umso bedrängter die sozioökonomische, geographische, auch geistige Umgebung solcher Menschen war, umso anziehender müssen für sie solche unbegrenzten Räume jener Zimmerreisenden gewesen sein. Schon der europäische Gründer der Literaturgattung der "Zimmerliteratur" Xavier de Maistre verarbeitete durch seinen Roman „Die Reise durch mein Zimmer" die missliche Zeit seiner Einkerkerung konstruktiv.

In diese Gruppe gehören auch viele japanische Literaten–wie z.B. der schriftstellernde Mönch Kenkô Yoshida.  Mit Sicherheit  in Unkenntnis über dessen ‚Tsurezuregusa‘ ist doch erstaunlich, dass sich de Maistres  Aussage, er lasse in seinem Zimmer den Blick schweifen, "diagonal, im Zickzack, ohne Plan und Ziel." (zitiert nach Anja Hirsch: "Im Lehnstuhl ohne Ziel unterwegs", FAZ 2012), nahezu wortgleich dort wiederfindet: "Wenn ich allein und in Muße bin, sitze ich den ganzen Tag vor meinem Tuschkasten und schreibe alles, was mir durch den Kopf geht, ohne Zusammenhang und ohne eine bestimmte Absicht auf." Auch bei dem genannten zeitgeschichtlichen Horst Janssen finden wir ähnliche Sätze: „Was Ihnen hier unter die Augen kommt, ist das Sammelsurium aus einem verwilderten Emeritengärtchen, wo es wahrlich in den Wörterbeeten an Lücken, Unkraut und unbekannten botanischen Kreuzungen, ja selbst an Pflänzchen aus fremden Gärten nicht fehlt.“

Dadurch, dass solche geografische Weiten und Ferne durch Betrachtung des in der Nähe erlebten Bekannten erschlossen werden, ist der Bezug zur Exotik gegeben. Exotische  Ferne ist immer nur insofern betörend als sie suggeriert, dass sich dort in der Heimat Bekanntes wiederentdecken läßt, und dass sie dadurch überhaupt erst akzeptierbar, ja attraktiv wird. Das läßt Zimmerreisen, in welcher Form auch immer, zur Illusion werden, so wie es z.B. Kennosuke Ezawa in Hinblick auf die Bedeutung der deutschen Literatur in seinem Leben formulierte.

In dieser Tradition der Zimmerreise  lebt ein Teil der Literatur und auch der Bildenden Kunst global. Unter diesem Gesichtspunkt haben wir – zumindest ansatzweise -  den Themenbereich „Orte gedacht“ in unser Portal in unser Portal aufgenommen.


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